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Basma Abdel Aziz - Das Tor
Ein fiktives Land, das so irgendwo im Nahen Osten angesiedelt sein könnte: Seitdem die Regierung die „schändlichen Ereignisse“ niedergeschlagen hat, ist nichts mehr, wie es einmal war. Die Bevölkerung sieht sich massiven „Sicherheitsvorkehrungen“ gegenüber, die alle nur ihrem eigenen Schutz dienen sollen.
Inhalt
Nur mit Genehmigung!
Im Zentrum dieser „Sicherheitsvorkehrungen“ steht das ominöse Tor. Die Bürgerinnen und Bürger benötigen für die simpelsten Handlungen des Alltags eine Genehmigung des Tors. Besagtes Tor öffnet sich täglich - so sagt man jedenfalls - aber immer nur für eine kurze Zeit, sodass nur wenige Anträge bearbeitet werden können.

Ein Leben in der Warteschlange
So bildet sich bald eine immer länger werdende Schlange mit den unterschiedlichsten Menschen darin. Alle warten und hoffen darauf, dass sie bald das Tor erreichen, um ihre Anliegen vortragen zu können. Unter den Wartenden befindet sich neben der jungen Lehrerin Ines, die unüberlegterweise einen kritischen Aufsatz einer Schülerin hat vorlesen lassen, auch Yahya.
Wenn das Leben an einer Genehmigung hängt…
Vielleicht war Yahya zur falschen Zeit am falschen Ort. Vielleicht gehörte Yahya aber auch den Regimekritikern an. Was auch immer zu der Kugel in seinen Eingeweiden geführt hat, sie könnte ihn das Leben kosten. Doch die lebensrettende OP darf nur mit der entsprechenden Genehmigung ausgeführt werden.
Was geschieht, wenn sich aber das Tor nun niemals öffnet?
Verloren in der Bürokratie
Dystopien gibt es viele, sodass die Konkurrenz für „Das Tor“ insoweit groß ist. Allerdings muss ich gestehen, dass die Idee eines dystopischen Staats, der die Bürgerinnen und Bürger durch Bürokratie zermürbt, hier eine unerwartete Spannung aufbaut.
Warteschlange und Spannung?
Ihr habt richtig gehört: Eine Warteschlange kann spannend sein. Ich hätte das auch nicht gedacht, aber das Setting ist simpel und gleichzeitig auch irgendwie in seiner Absurdität genial. Ich spoilere nicht zu sehr, denke ich, wenn ich hier eröffne, dass sich dieses Tor nicht öffnet, und dass die Schlange vor dem Tor immer länger wird. So fristen zunehmend immer mehr Menschen in dieser Schlange ihr Dasein. Die Warteschlange entwickelt insofern fast schon ein Eigenleben, wird zu einer eigenen Gesellschaft. Zeitweise geht über die Geschehnisse fast verloren, dass die Leute eigentlich gar nicht in der Schlange „zu Hause sind“, sondern darauf warten, wieder ihr eigentliches Leben aufzunehmen.
Resignation oder warum flippt hier keiner aus?
Die einzige Frage, die einen bei all dem beschleicht, ist die Passivität der hier aufgezeigten Bevölkerung, die einfach akzeptiert, dass sie in der Warteschlange stehen muss, und das Leben einfach an die neuen Gegebenheiten anpasst. Vielleicht ein allzu treffendes Bild für die ohnmächtige Bevölkerung gegenüber der zunehmenden Unterdrückung totalitärer Systeme. Man begehrt erst auf, wenn es nicht mehr erträglich ist, wenn es nicht mehr geht.
Wenig Nähe, wenig Tiefe
Ich war jedenfalls faszinierte und ungläubige Beobachterin der sich ereignenden Geschehnisse, während ich gleichzeitig auch selbst ähnlich teilnahmslos verfolgte, wie sich der Gesundheitszustand von Yahya verschlechterte und andere Wartenden zunehmend die Hoffnung verloren. Die Stimme des Erzählers bleibt hier stets, trotz Einblick in die Gedankenwelt der einzelnen Figuren, ein wenig auf Distanz. Man fühlt sich als Lesende/r wie ein Geist, der abseits neben den Figuren steht, der direkt dabei ist, aber vor zu großer Nähe und zu großen Emotionen durch ein bisschen Plexiglas geschützt wird. Diese Distanz tüncht die Erzählung seltsam surreal ein, wo der Inhalt doch schrecklich real ist.
Empfehlung?
Dieses Buch begleitet einen auch noch nach der Lektüre. Während ich das hier schreibe, kommen mir sogar noch neue Erkenntnisse zum Inhalt, zur Aussagekraft dieser Erzählung. Blicke ich darauf, fühle ich mich noch von dem seltsamen Gefühl getragen, das die Geschichte Seite um Seite in mir beim Lesen auslöste. Ich habe mich nie als Teil der Geschichte gefühlt, aber vielleicht ist das auch gerade nicht die Rolle, die hier für die Lesenden beabsichtigt wurde. Man ist teilnahmsloser, hilfloser Zuschauer der Ereignisse und das macht einen vielleicht so ohnmächtig wie die Figuren selbst. Keine seichte Lektüre, aber für mich alle mal lesenswert.
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Janne ist eine leidenschaftliche Leserin, die schon seit ihrer Kindheit Bücher verschlingt. Neben ihrer Liebe zur Literatur hat sie auch ein Faible für Brettspiele, die sie gerne mit ihrem Partner, Alex, spielt.
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